Willkommen am Detlefsengymnasium in Glückstadt

Konzert mit musikalischen Raffinessen (2010)
Premiere des Stückes von Jules Vernes „Zwei Jahre Ferien“ begeisterte

Bilder (von Herrn Müller-Tischer) der Premiere sind hier zugänglich.

Unser ehemaliger Schüler Christian Hüning hat die dritte Aufführung am Freitag photographisch begleitet:
Hier geht es zu dem Photos.


Es geht stürmisch zur Sache in der neuen Produktion der Musik- und Theater-Arbeitsgemeinschaften am Detlefsengymnasium, gleich in mehrfacher Hinsicht. Zuerst in der Handlung, in der eine Crew von 14 Internatsschülerinnen und -schülern auf einer einsamen Insel strandet, nachdem ein Sturm ihr führungsloses Schiff von der Pier losgerissen hat.


Sodann in der literarischen Vorlage, Jules Vernes Robinsonade „Zwei Jahre Ferien“, die Regine Borg-Reich auf zeitgemäß trimmte, indem sie Vernes staubigen Nationalismus wegfegte und durch einen klassischen pubertären Konflikt zwischen Jungen und Mädchen umdeutete. Ebenso modelte sie die Piraten-Abenteuer-Episode der Vorlage durch eine Persiflage aktuellen Wellness-Wahns um. Sprüche wie „Als Couch-Potatoe anti-age ich, aber Englisch, das versteh' ich nich'!“ führten dann auch zu Lachern im Premieren-Publikum, das seinerseits vom Sturm des zeitgleich laufenden WM-Fußballspiels zwischen Deutschland und Ghana kräftig dezimiert worden war. Bei einer Premiere leere Stuhlreihen in der Aula des Gymnasiums – das war auch eine Premiere!

Der letzte Sturm schließlich blies eine Fülle (insgesamt 22 verschiedene Titel) unterschiedlichster Musikstücke auf die Insel der Gestrandeten. Passend zur Exotik des Schauplatzes brachte Musiklehrer Dr. Wieland Reich abenteuerliche Instrumente mit zum Teil komplizierten Rhythmen auf die Sonnenseite des Strandes: Stellvertretend sei die Cuica genannt, ein Brummtopf, dessen feuchten Lederlappen Michel Weiß mit einem Stab so geschickt traktierte, dass die tonalen Raffinessen Publikumsreaktionen zwischen ungläubigem Staunen und losprustendem Gelächter erzeugten.
Dem Augenschein nach muss fast die ganze Schule bei der gigantischen Inszenierung mitgewirkt haben. Allein das mit vielen (auch glossierenden) Informationen aufwartende Programmheft verzeichnete zirka 60 Mitwirkende in Chören, Orchester, Personal auf und hinter (in Glückstadt: neben) der Bühne. Die Gestrandeten mussten immer wieder schnellstens ihre Bühnen-Insel verlassen, um zum Chor zu gelangen, der in schneller Abfolge die musikalischen Intermezzi zum Bühnengeschehen setzte. Und auch hier gab es keine einfachen Zwischenspiele, sondern musikalisch klug ausgewählte Petitessen, die (meist) das Geschehen dramaturgisch untermalten. Ein Beispiel für viele: der Gassenhauer „Hokey Pokey“, in dem Chor, Orchester und das Fitnesscenter-Ballett so mitreißend agierten, dass es fast zu Sit-Ups im Publikum gekommen wäre, wenn jenes nicht vom Ballett der kurzsichtigen Schildkröten Lachmuskelkater gehabt hätte.


Musikalische Raffinessen gab es während dieser Intermezzi, zum Beispiel Rockmusik für Streichquartett, aber auch Standards, einen Ragtime, Swing, Blues, Dixieland, Musical-Schmalz, Filmmusik, eine Hymne, so dass das enorme Spektrum des musikalischen Wirkens am Detlefsengymnasium wie auf einer Messe vorgetragen wurde. Kein Thema wurde bei den häufig selbstgedichteten Texten ausgenommen: besonders im Titelsong „Reif für die Insel“ wurde die aktuelle Schulpolitik des Kieler „Kultus“-Ministeriums durch den Kakao gezogen.


So folgte in den mehr als drei Stunden Gag auf Gag, spielerisch, thematisch und musikalisch. Dass Regine Borg-Reich ihre Verne-Adaption als „Prüfung“ bezeichnet hatte, löste im Publikum mehr als einmal die Prüfungsfrage aus, wo man denn hätte kürzen können. Man hätte die eine oder andere gute Idee, so manches skurrile Instrumentalsolo im Sand des Inselstrands versickert. Und das wäre schade gewesen. Andererseits wiederum: mehr als drei Stunden? Die klare Antwort der Inszenierung unter der Gesamtleitung von Wieland Reich: Ja!

Was man nicht vermissen möchte: die Bläser mit ihren disharmonischen Einsätzen, die die Streitigkeiten auf der Insel so schön auf den falschen Akkord bringen; den Gorilla-„Freitag“, der den Menschen das Jagen beibringt (und der auch die aktuellen Zwischenstände von Deutschland-Ghana auf seiner Nummerngirl-Tafel hätte anzeigen können), das abseitige Percussionsinstrumentarium, das zu einem echten Glückstadt-Sound einfach dazugehört, bei dem sogar eine Schiedsrichterpfeife sinfonische Qualität erhält, die charmanten Texthänger, die die Jugendlichen mit unbekümmertem Schwung wegspielten, die pädagogischen Insider-Gags („Eine Schule ist kein Ponyhof!“) – das alles genoss das Publikum.
Peter A. Kaminsky