Willkommen am Detlefsengymnasium in Glückstadt

Liebesdrama aus der Papyrusrolle


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„Die Geschichte lebt!“ Das behaupten jedenfalls die Musik- und Theaterarbeitsgemeinschaften des Detlefsengymnasiums in ihrer neuen Musical-Produktion. Zweifellos stellt sich die Handlung um eine 1700 Jahre alte Papyrusrolle ein wenig wirr dar.

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Der betrügerische Lederhändler Dionysii (Maximilian Thien) im Gespräch mit seinem Buchhalter (Tom Möller) und Tochter (Lorena Peters).
Foto: Müller-Tischer

Sie stellt – antike Soap-Opera – die Leidensliebesgeschichte der Kaisertochter Valeria und ihres Lovers Crispius dar. Jene alte Rolle wird in der Jetztzeit bei einem Einsturz der Mauer des Kaiserpalastes gefunden, und zwar von einer Touristenfamilie aus Glückstadt, deren Sohn als Latein-Freak natürlich sofort perfekt übersetzen kann, was Valeria in ihrem Liebesschmerz einst zu Papier gebracht hatte.
Schauplätze bilden das dalmatinische Split zur Zeit der Antike und heute sowie auch der Küchentisch in Glückstadt, an dem die Verwicklungen heiß diskutiert werden. Aber nichts ist, wie es scheint. Und die vielen Gags, selbstironischen Zwischenbemerkungen und versteckten Hinweise signalisieren sowieso: Bitte nicht so ernst nehmen, wir wollen euch unterhalten! Das gelingt in den fast drei Stunden dann auch vorzüglich. Bewundernswert dabei die Konzentrationsfähigkeit der ganz „Kleinen“ aus dem Unterstufenchor, die reichlich musikalische Stil- und dramaturgische Rollenwechsel bewältigen müssen.

Ja, die Geschichte lebt also! Vor allem auch lebt sie von der umtriebigen Inspiration und dem unbremsbaren Engagement der AG-Leiter Regine Borg-Reich (Libretto, Inszenierung, Spielleitung und Chor-Chefin) und Wieland Reich (Musikauswahl und Arrangements, Inszenierung, Leitung, Orchester-Chef, Jobcenter und Handlanger). Und das alles gleichzeitig. Die beiden reißen ihre (geschätzt) 200 Eleven mit, also fast ganz „Detlefsen“.
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Ihre musikalische Europa-Tour ortet diesmal in Dalmatien die musikalischen Kostbarkeiten, die mithilfe des barocken Engländers Henry Purcell und vieler weitere musikalischer Preziosen von Wieland Reich zu einem Stil- und Spaß-Kaleidoskop arrangiert werden. Die Kinder und Jugendlichen gehen mit, sie verwandeln ihr unterelbisches Temperament in balkanisches Feuer, dass es eine Freude ist. Und sie können nicht nur Musik und Theater, nein, Latein können sie auch noch. (Zum Glück werden die lateinischen Alltagsbemerkungen elegant übersetzt.) Das Backstage-Team zaubert Bühnenbild, Kostüme und Flugeinlagen.

Natürlich lebt die Geschichte auch von der Fülle einzelner Glanzleistungen, für die sich das Publikum in der vollbesetzten Aula mit massig Szenenapplaus bedankte. Ohne die Ensembleleistung zu schmälern, seien einzelne herausgehoben: Als Diokletian regierte Paul Heinrich über alle und alles, nur nicht über seine Tochter Valeria (Marieke Bucher) und deren Lover Crispin (Frederic Looft). In der Glückstadt-Familie ragte Torge Feldt als Besserwisser-Sohn und Latein-Freak heraus. Toll, wie die Jugendlichen ihre Soli singend und spielend bewältigten. Hier sei Lasse Sörensen erwähnt, der als Römer seine Geige wie eine Fiedel spielen musste.

Und immer hin und her zwischen Orchester und Bühne! Ganz besonders stark: Das Percussion- und Bläser-Register im Orchester und hier das Saxophon mit groovigen Passagen, gespielt von Diokletian Paul Heinrich (Wie hat der bloß diese x-fach Belastung gewuppt?!).

Für die tolle Ensemble-Leistung gab es nach drei Stunden langanhaltenden Schlussapplaus in der vollbesetzen Aula für eine großartige Ensembleleistung: Die Geschichte lebt. Eben!
Peter A. Kaminsky