Willkommen am Detlefsengymnasium in Glückstadt

De upsteiht, de sien Stee vergeiht - - - Platzhalter im öffentlichen Raum


Vor dem Gymnasium entsteht an der nördlichen Stirnseite des neuen Betriebsgebäudes eine großflächige Komposition aus Ton-Reliefs. Der kleine Platz zwischen Haupteingang, Vorgärten und der neuen Bushaltestelle ist sowohl ein Durchgangs- als auch Aufenthaltsbereich. Sitzgelegenheiten vis a vis zur Relief-Wand laden zum Verweilen und zur längeren Betrachtung ein.
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Das Ton-Relief besteht aus ca. 350 Platten zu je 20x20 cm. Verwendet werden 12 Tonsorten im Farbspektrum von Schwarz-, Blau-, Grau-, Gelb- und Weiß-Tönen sowie wenige und dezente Oxydfarben und Glasuren. Thematisch und formal gibt für die einzelnen Platten keine Vorgaben oder Einschränkungen. Sie werden auch nicht einem Gesamtmotiv untergeordnet. Vielmehr sind die Beteiligten gefragt, ein möglichst weites Spektrum an individuellen erzählerischen, spuren- und zeichenhaften Oberflächen und Volumina zu erschaffen. Alle schulischen Fachbereiche wurden eingeladen, sich zu beteiligen. Diese vielfältige Sammlung ergibt ein Patchwork-Muster mit unterschiedlichen Leserichtungen und Bedeutungsebenen, die aktiv und immer wieder anders erschlossen werden wollen.

Der Begriff Platzhalter ist gebräuchlich für provisorische Lösungen, für Stellvertreter, die einen Übergang in etwas Kommendes markieren. Während der Aspekt der Dauer beim Platzhalter meist unbestimmt bleibt, ist der Ort fixiert. Ein Platzhalter steht damit für das Behaupten und Freihalten eines Potenzials. In ihm vereinen sich Gegenwart und Zukunft.
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„De upsteiht, de sien Stee vergeiht“ („Aufgestanden, Platz vergangen“) ist ein vor allem von Kindern bei Stuhlspielen verwendetes Sprichwort. Wie der Begriff Platzhalter zeugt es vom Potenzial des Platzes als Besitz, dessen Anspruch nie von Dauer sein kann. In ihm schwingt ebenso die Gegenwart eines Anderen mit, der es auf den Platz abgesehen haben könnte. Verfügbarkeit und Verlust von Plätzen lassen sich auch im Kontext des öffentlichen Raums verstehen. Somit wird der Ort vor der Schule selbst zum Thema der künstlerischen Planung.
Bezogen auf die Institution Schule schwingen anekdotische und melancholische Untertöne mit: Es gilt, seinen Platz zu finden, Sitzordnungen sollen soziale Gefüge erzeugen, der Stuhl wird einem unterm Hintern weggezogen, es gilt, sich durchzusetzen, Probleme auszusitzen, Zeit abzusitzen und am Ende Anderen Platz zu machen. Und immer ist man nur einer von vielen, die Plätze für Lebenszeit tauschen. Was bleibt von mir an diesem Ort, was prägte er mir ein? Viele Generationen werden hier ankommen und weiter ziehen.

Ort: Stirnwand des Betriebsgebäudes vor dem Detlefsengymnasium Glückstadt, Dänenkamp 5
Art: Tonrelief aus ca. 350 glasierten Platten zu je 20x20cm; Gesamtgröße ca. 620x250cm
Herstellung: Juni bis September 2020 in den Kunsträumen des Gymnasiums
Beteiligte: Schüler und Schülerinnen, Ehemalige, Lehrkräfte, Künstler und Künstlerinnen

Vincent Schubarth, Glückstadt 2020





Norddeutsche Rundschau vom 28.7.2020

Collage der Vielfalt: 380 Tafeln aus Ton
Vincent Schubarth arbeitet mit Schülern, Lehrern und Ehemaligen an einem Kunstprojekt für ein neues Gebäude am Glückstädter Detlefsengymnasium

„Wir arbeiten auf diesen Platten“, erklärt Vincent Schubarth. Charlotte Zils hört genau zu, denn sie soll Kunstobjekte aus Ton fertigen. Für ein Gesamtkunstwerk, welches später das neue Wirtschaftsgebäude des Detlefsengymnasiums verschönern soll. Die 20-Jährige ist stolz, denn sie ist ehemalige Schülerin und sagt zu dem Projekt, Kunst nach außen zu präsentieren: „Es ist super, dass ich dabei sein darf.“
380 Tafeln aus Ton der Größe 20x20 Zentimeter entstehen, um später als Collage die Wand zu zieren. Für die Arbeiten braucht Vincent Schubarth begabte Leute, die mitmachen: Schüler, ehemalige Schüler und drei Lehrer. Er selbst ist Kunstlehrer am Detlefsengymnasium und arbeitet auch als freischaffender Künstler.
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In seiner ruhigen Art erklärt Schubarth jeden einzelnen Schritt, wie Charlotte Zils mit den zwölf Tonsorten arbeiten kann. Dann holt der 46-Jährige ein selbst gebautes Kästchen und eine Kuchenrolle aus Holz. Er schneidet ein Stück Ton ab. „Lieber ein bisschen mehr nehmen“, rät er und legt los. Er walzt den Ton gekonnt mit der Kuchenrolle in Form, das selbstgebaute Holzkästchen gibt dann den viereckigen Rahmen vor. „Ich nehme lieber dickere Platten“, erklärt Schubarth. Die seien nicht ganz so empfindlich. Sein Kollege Gerhard Bauhaus nehme lieber dünnere Platten. Bauhaus, so erzählt er, sei zwar schon zwei Jahre in Pension, arbeite aber gerne mit an diesem Projekt.
So wie Charlotte Zils, die jetzt in Pinneberg wohnt und eigens für ihre künstlerische Mitarbeit anreist.
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Schubarth gibt viele weitere Tipps, wie sie mit feuchten Tüchern den Ton bedecken und frisch halten kann, bis hin zu bestimmten Techniken. Und er zeigt seiner ehemaligen künstlerisch begabten Schülerin die Tonarbeiten, die bereits fertig sind.
Biologielehrerin Anja Riedel „ist richtig ausgebildet“, schwärmt Schubarth von den Werken seiner Kollegin. Sie sind noch am Werden, zeigen aber interessante Motive wie Schriften. „Es soll eine Vielfalt entstehen“, sagt der Kunstlehrer.
Dazu gehören für ihn auch Motive aus den Unterrichtsfächern. Der Lehrer zeigt auf ein Atommodell aus dem Physikunterricht, eine Komposition eines Musikstücks, auf die Formel eines Harnstoffs aus der Biologie und auf einen Text aus Latein. Doch das ist noch nicht alles, auch aktuelle Themen sind dabei. „Black lives matter, Corona und Sport gibt es auch.“ Was ihm noch zusätzlich vorschwebt, ist ein Motiv von draußen. Dafür hat er sich eine Abdruckmasse besorgt, wie sie normalerweise ein Zahnarzt nutzt. „Damit werden wir in der Stadt Abdrücke nehmen.“ Welche genau, das ist noch unklar.
Auch für Charlotte Zils, die Kommunikationsdesign studiert, sind ihre Motive noch nicht ganz klar. „Ich werde sie spontan herausarbeiten.“
Vincent Schubarth hat vollstes Vertrauen zu ihr: „Jetzt kannst du loslegen“, sagt er und wendet sich anderen Tätigkeiten zu. Er erzählt, dass der Ton für ihn ein „traditionelles Material ist“, deshalb habe er sich dafür entschieden. „Ich habe mich in Barmstedt in der Töpfermühle beraten lassen.“ Dort wurde ihm dann geraten mit den zwölf Sorten zu arbeiten.
Auch ganz praktische Arbeiten erledigt der Künstler gern selbst. Dazu gehört auch das Ausräumen des Brennofens, der einen Raum weiter steht. Er freut sich, dass dieser auf seine Anregung hin vor einigen Jahren angeschafft wurde. Danach befasst er sich wieder mit einer halbfertigen Tonplatte. „Ich arbeite am liebsten an der Fensterwand, da ist das Licht besser.“ Kaum sitzt er, vergisst er alles um sich herum und widmet sich seinem Motiv, das gerade auf der Platte entsteht.